Personenliste
Die Romanwelt der Elizabeth George zeichnet sich vor allem durch einfühlsam beschriebene, psychologisch komplexe und faszinierende Figuren aus. Einige davon gehören zur „Stammbesetzung“, die fünf wichtigsten Charaktere werden hier vorgestellt.

Chief Inspector Thomas Lynley
Chief Inspector Thomas Lynley gehört zu den angesehensten Beamten des Criminal Investigation Department von New Scotland Yard. Er ist ein außerordentlich fähiger Mann, scharfsinnig, beharrlich, charmant und äußerst gebildet. Sein Studium absolvierte Lynley an den Eliteuniversitäten Eton und Oxford, wie es sich für den achten Earl of Asherton gehört – obwohl er seinen Adelstitel am liebsten verschweigen würde. Bedenkt man Lynleys Herkunft und Erziehung, ist es umso erstaunlicher, wie es ihm stets aufs Neue gelingt, die Klassenschranken innerhalb der englischen Gesellschaft zu überwinden und zu Menschen aus den verschiedensten Schichten Zugang zu finden. Im Kollegenkreis schafft Lynleys Adelstitel zwar mitunter eine gewisse Distanz, aber der Inspector ist meist viel zu sehr mit einem Fall beschäftigt, um unterschwellige Animositäten überhaupt wahrzunehmen oder gar gegen sie anzukämpfen. Es bereitet ihm sogar eine heimliche Freude, Vorurteile zu widerlegen und gewissermaßen nebenbei noch die analytischen Instinkte seiner Kritiker zu schärfen.
Andererseits ist ihm das Bewusstsein seiner herausgehobenen sozialen Position durchaus nützlich. Lynley analysiert sehr genau, wie er selbst – meist im Zusammenhang mit seinen Ermittlungen – auf Menschen oder Situationen reagiert. Und manchmal verdankt er die entscheidende Eingebung zur Lösung eines Falles gerade seinem Auge für das soziale Umfeld des Verbrechens.
Zur Figur des Inspector Lynley gehört natürlich auch das Privatleben, in dem man ihn von einer ganz anderen Seite kennenlernt: leidenschaftlich und romantisch. Diese Seite zeigt sich besonders in seiner Beziehung zu Lady Helen Clyde, die er schließlich heiratet. Als die schöne Helen und Lynley Nachwuchs erwarten, wird es zum Problem, dass Lynley sich immer wieder mit Haut und Haaren seinen Ermittlungen widmen muss. Dann geschieht das Unfassbare. Helen wird im Zusammenhang mit einem von Lynleys Fällen auf offener Straße erschossen, und auch ihr ungeborenes Kind stirbt. Lynley ist am Boden zerstört. Er gibt seinen Dienstausweis ab und zieht sich von der Polizeiarbeit zurück. Bis auf weiteres – wie alle Fans des smarten Inspectors hoffen.
Helen wird im Zusammenhang mit einem von Lynleys Fälle auf offener Straße erschossen, und auch ihr ungeborenes Kind stirbt. Lynley ist am Boden zerstört, gibt seinen Dienstausweis ab und zieht sich von der Polizeiarbeit zurück. Doch die Neugier des Ermittlers ist wiedererweckt, als er an der Steilküste Cornwalls unversehens in einen Mordfall verwickelt wird ...

Detective Sergeant Barbara Havers
Seit Elizabeth Georges erstem Roman „Gott schütze dieses Haus“ arbeitet Detective Sergeant Barbara Havers an Lynleys Seite. Zwischendurch wird sie zwar wegen eigenmächtigen Handelns zum Detective Constable degradiert, doch ihr mutiges Vorgehen in „Wo kein Zeuge ist“ hat ihr den Dienstgrad endlich wiedergebracht. Barbara ist eine junge Polizistin, die nach wenigen Monaten Streifendienst ihre Uniform an den Nagel gehängt hat, um zum CID zu wechseln. Dort wird sie Lynleys Partnerin und klärt an seiner Seite eine ganze Reihe spektakulärer Morde auf. Barbara Havers ist alleinstehend, Mitte Dreißig und muss den schwierigen Balanceakt vollführen, ihre beruflichen Anforderungen mit einem äußerst belastenden Privatleben in Einklang zu bringen. Barbara betreut lange Zeit ihre demenzkranke Mutter, deren schlechter gesundheitlicher Zustand sie zunehmend in Anspruch nimmt. Schweren Herzens entschließt sie sich, die Mutter in einem Pflegeheim unterzubringen. Anders als Lynley stammt Sergeant Havers aus einfachen Verhältnissen. Das schlägt sich auch in ihren Ermittlungen nieder, bei denen sie burschikos, geradlinig und mit viel Verständnis für menschliche Schwächen vorgeht. Je länger sie mit Lynley zusammenarbeitet, umso mehr muss sie ihre ursprüngliche Meinung über diesen „widerlichen kleinen Popanz“ revidieren, wie sie den adligen Inspector anfangs genannt hat, und umso größer wird ihr Respekt vor seinem enormen Talent.
Vehement bekämpft Havers den männlichen Chauvinismus, den sie allenthalben in den Rängen des Yards zu entdecken meint. Als ausgewiesener Workaholic definiert sie sich fast ausschließlich über ihre Arbeit. So verschwendet Barbara auch keinerlei Mühe auf ihre äußere Erscheinung – im Gegenteil: Auf beinahe demonstrative Weise präsentiert sie sich unauffällig, ungeschminkt und so uneitel wie nur möglich. Und obwohl sie sich ständig größte Mühe gibt, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, reagiert sie verlegen, wann immer Lynley ihr zu ihren beeindruckenden Schlussfolgerungen gratuliert.

Simon Allcourt-St. James
Der Gerichtsmediziner Simon Allcourt-St. James verfügt über eine ganz besondere Beobachtungsgabe und eine erstaunliche Intuition. Obwohl er schwerbehindert ist, seit er bei einer wilden Raserei auf den Landstraßen von Surrey einen Autounfall erlitt, zählt er zu den Koryphäen auf seinem Gebiet. Und seine Dienste als Sachverständiger sind sowohl bei Anwälten als auch beim New Scotland Yard äußerst gefragt. Es ist wohl Ironie des Schicksals, dass der angetrunkene Fahrer jenes Unfallwagens ausgerechnet ein alter Freund von St. James aus gemeinsamen Kindertagen war: Thomas Lynley nämlich. Seltsamerweise wurde Simons Freundschaft mit Lynley, der damals mit dem Schrecken davonkam, nach diesem Unfall kaum durch Schuldzuweisungen belastet. Wenn man überhaupt von einer Veränderung in ihrem Verhältnis sprechen kann, dann eigentlich im positiven Sinne, da dieses gemeinsame Trauma ihre Beziehung eher noch gefestigt hat. So wertvoll St. James’ Freundschaft für Lynley bereits in der Vergangenheit gewesen ist, so wichtig ist er für ihn auch durch seine Stärke und Kompromisslosigkeit geworden. Das Vertrauen in die Arbeit von St. James, dessen Ideen und Ansichten zu einem Fall, sind Lynley eine unschätzbare Hilfe bei der täglichen Arbeit. Tatsächlich wirkt St. James in der Hektik der Ermittlungen oft wie der ruhende Pol. Unerschütterlich und mit demonstrativer Gelassenheit harrt er auf seinem Posten aus. Diese Haltung ist ihm beruflich zwar von Nutzen, bringt aber seine eher gefühlsbetonte Frau Deborah unweigerlich gegen ihn auf und führt gelegentlich sogar zu einer gewissen Entfremdung zwischen den beiden. Dabei wird Deborah aufgrund ihrer Neugier oder einfach per Zufall schon öfter selbst in die Arbeit ihres Mannes hineingezogen. Die gemeinsamen Ermittlungen in einem Mordfall auf Guernsey sind für St. James allerdings eine Zeit der Konfrontation mit den eigenen Schwächen: Seine Behinderung lastet schwer auf ihm, und er hat Angst, seine Frau an einen Jüngeren zu verlieren. Doch seine Befürchtungen erweisen sich als grundlos.

Deborah St. James (geborene Cotter)
Deborah Cotter (jetzt Deborah St. James) war gerade dreizehn Jahre alt und lebte als Tochter des Butlers von Simon Allcourt-St. James in dessen Haus, als Simon seinen folgenschweren Unfall hatte. Mit ihren kupferroten Haaren war Deborah schon damals eine faszinierende Schönheit. Sie pflegte seinerzeit den schwer verletzten St. James und war dem Kranken eine große Hilfe. Später ging Deborah für drei Jahre nach Amerika, um dort zu studieren und ihr Können als Fotografin weiterzuentwickeln. Diese Trennungsphase verursachte einen tiefen Riss in ihrer Freundschaft zu Simon, und Deborah fühlte sich eine Weile eher zu Lynley hingezogen. Ihr distanziertes Verhalten Simon gegenüber war für diesen schwerer zu überwinden als die Weite des Atlantiks, der sie zuvor getrennt hatte.
Nachdem die beiden schließlich doch wieder zueinander gefunden hatten, heiratete Deborah den elf Jahre älteren Simon. Da sie im selben Haus wie Simon geboren worden war, weil ihr Vater dort gearbeitet hatte, kannte sie ihren späteren Mann seit ihrer Kindheit. Diese Vertrautheit war für beide gleichermaßen hilfreich wie problematisch, da sie erst lernen mussten, einander als Erwachsene, Partner und Liebende zu verstehen und zu behandeln. Belastet wird die Beziehung immer wieder durch den unerfüllten Kinderwunsch Deborahs, der sie regelmäßig in tiefe Depressionen stürzt. Auch die gemeinsamen Ermittlungen im Falle einer amerikanischen Freundin von Deborah bedeuten erneut eine Zeit großer Zweifel und Krisen für das ungleiche Paar – bis sich schließlich eine größere Nähe als je zuvor entwickelt.

Lady Helen Clyde
Lady Helen Clyde hat im Verlauf der Romane eine erhebliche Wandlung durchgemacht. Von ihrer ursprünglichen Nebenrolle ist sie erst zur Mordverdächtigen und dann zu einer wichtigen Kontrastfigur zu Lynley aufgestiegen, dessen beruflich bedingter Reserviertheit sie ihr leidenschaftlich emotionales Temperament entgegensetzte. Diese langjährige Freundin Lynleys, die in denselben gesellschaftlichen Kreisen aufwuchs und berufliche wie private Interessen mit ihm teilte, musste irgendwann zu ihrem Schreck feststellen, dass Lynley in ihr die ideale Frau fürs Leben zu sehen begann. Der Schreck war im Übrigen durchaus gegenseitig. Helen suchte daraufhin ständig nach Gründen, um Lynleys Heiratsantrag abzulehnen, als wäre es zu einfach, ihn zu akzeptieren. Damit erreichte sie natürlich nur, dass er umso hartnäckiger um sie warb – und damit schließlich auch Erfolg hatte. Obwohl sich Helen so zierte, empfand sie stets eine tiefe Zuneigung zu Lynley und fühlte sich ihm eng verbunden; nicht zuletzt, weil er ähnlich offen und geradlinig war und ist wie sie. Ganz anders als der eher wortkarge St. James spricht Helen oft unverblümt die Wahrheit aus, wo der „Anstand“ ihren Standesgenossen jeglichen Kommentar verbietet. Ihre warmherzige Art und ihr besonderer Humor machen sie dabei ungemein sympathisch. Und wenngleich sie es beruflich nur mit den Nebenschauplätzen einer Morduntersuchung zu tun hat, kann ihre forsche Art und ihre mangelnde Zurückhaltung sie schon einmal dazu verleiten, auf eigene Faust zu ermitteln. Zuletzt erfüllt sich für Lynley und Helen ein inniger Wunsch: Sie ist mit dem gemeinsamen Kind schwanger. Doch dann kommt es zu einer Katastrophe: Helen wird völlig unvermittelt auf offener Straße erschossen, und auch das Kind stirbt. Schwer vorstellbar, wie Lynley diesen Schicksalsschlag verarbeiten soll...









